Blindwühlen

Blindwühlen

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blindwühle

Bildquelle: Wirestock Creators / shutterstock.com

Zusammenfassung

Blindwühlen (Gymnophiona) sind eine faszinierende, wenig bekannte Ordnung der Amphibien. Mit ihrem wurmartigen, beinlosen Körperbau unterscheiden sie sich grundlegend von Fröschen und Salamandern. Die meisten der rund 220 bekannten Arten leben grabend in tropischen Böden, einige wenige Arten sind vollständig aquatisch und können im Aquarium gehalten werden.

Was sind Blindwühlen?

Blindwühlen (Ordnung Gymnophiona, auch Schleichenlurche oder Caecilia genannt) sind eine der drei großen Ordnungen der Amphibien – neben den Froschlurchen (Anura) und den Schwanzlurchen (Caudata). Mit rund 220 beschriebenen Arten bilden sie die kleinste und am wenigsten erforschte Gruppe der Amphibien. Ihr Name leitet sich vom lateinischen „caecus" (blind) ab, da viele Arten stark reduzierte Augen besitzen, die teilweise unter der Haut oder sogar unter Knochen verborgen liegen.

Blindwühlen sehen auf den ersten Blick aus wie große Regenwürmer oder kleine Schlangen, sind aber echte Amphibien mit einer feuchten, drüsenreichen Haut. Sie besitzen keine Beine und keine Gliedmaßengürtel – ein einzigartiges Merkmal unter den lebenden Amphibien. Trotz ihres unscheinbaren Aussehens sind Blindwühlen hochspezialisierte Tiere mit faszinierenden Anpassungen an ihre jeweilige Lebensweise.

Merkmale

Der Körper der Blindwühlen ist langgestreckt, zylindrisch und durch ringförmige Furchen (Annuli) gegliedert, die ihnen ein segmentiertes Aussehen verleihen. Die Haut ist glatt und schleimig, bei einigen Arten mit winzigen, in die Haut eingebetteten Kalkschuppen versehen – ein Relikt ihrer evolutionären Vergangenheit. Die Körperlänge variiert je nach Art von wenigen Zentimetern bis über 1,5 Meter bei der Riesenblinwühle (Caecilia thompsoni).

Ein besonderes Sinnesorgan der Blindwühlen ist das sogenannte Tentakel – ein kleines, ausstülpbares Organ zwischen Auge und Nasenloch, das der chemischen Wahrnehmung dient und bei keiner anderen Wirbeltiergruppe vorkommt. Die Augen sind bei den meisten Arten stark reduziert und dienen höchstens noch der Hell-Dunkel-Wahrnehmung. Dafür besitzen Blindwühlen ein ausgezeichnetes Geruchs- und Tastsinnvermögen.

Der Schädel ist massiv gebaut und dient bei grabenden Arten als Grabwerkzeug. Die Kiefer sind mit zahlreichen kleinen, nach hinten gebogenen Zähnen besetzt, die das Festhalten der Beute erleichtern. Viele Arten besitzen Giftdrüsen in der Haut, deren Sekrete zur Abwehr von Fressfeinden dienen.

Verbreitung

Blindwühlen kommen ausschließlich in tropischen und subtropischen Regionen vor. Ihr Verbreitungsgebiet umfasst Mittel- und Südamerika, das tropische Afrika, Süd- und Südostasien sowie die Seychellen. Sie fehlen in Europa, Nordamerika, Australien und auf den meisten ozeanischen Inseln. Die größte Artenvielfalt findet sich in Südamerika und Südostasien.

Da Blindwühlen überwiegend unterirdisch leben und selten an der Oberfläche erscheinen, ist ihre tatsächliche Verbreitung vermutlich größer als bisher bekannt. Regelmäßig werden neue Arten beschrieben, besonders in schwer zugänglichen Regenwaldgebieten. Die grabende Lebensweise macht die Erforschung dieser Tiere besonders schwierig.

Lebensweise

Die meisten Blindwühlenarten leben grabend (fossorial) in feuchten, tropischen Böden. Sie durchziehen das Erdreich auf der Suche nach Nahrung und nutzen dabei ihren harten Schädel als Grabwerkzeug. Ihre Nahrung besteht hauptsächlich aus Regenwürmern, Insektenlarven, Termiten und anderen wirbellosen Bodentieren.

Einige Arten der Familie Typhlonectidae haben sich an ein vollständig aquatisches Leben angepasst. Diese Wasserblindwühlen, wie die Cayenne-Blindwühle (Typhlonectes compressicauda), besitzen einen seitlich abgeflachten Schwanz als Schwimmhilfe und verbringen ihr gesamtes Leben im Wasser. Sie sind die einzigen Blindwühlenarten, die regelmäßig im Aquarium gehalten werden.

Die Fortpflanzung der Blindwühlen ist bemerkenswert vielfältig. Alle Arten besitzen eine innere Befruchtung – einzigartig unter den Amphibien – wobei die Männchen ein spezielles Begattungsorgan (Phallodeum) verwenden. Einige Arten legen Eier, die vom Weibchen bewacht werden, während andere Arten lebendgebärend sind. Bei einigen eierlegenden Arten ernähren sich die Jungtiere von einer speziellen Hautschicht der Mutter (Dermatophagie).

Bekannte Arten

Zu den bekanntesten Blindwühlenarten gehören:

  • Cayenne-Blindwühle (Typhlonectes compressicauda): Eine der wenigen vollständig aquatischen Arten, die regelmäßig im Aquarienhandel angeboten wird. Sie stammt aus Südamerika und wird 30–55 cm lang.
  • Ringelschleichenlurch (Siphonops annulatus): Eine auffällig blau-schwarz gefärbte grabende Art aus Südamerika, bekannt für ihre Dermatophagie.
  • Mexikanischer Schleichenlurch (Dermophis mexicanus): Eine mittelgroße grabende Art aus Mittelamerika, lebendgebärend.
  • Riesenblinwühle (Caecilia thompsoni): Mit bis zu 1,5 m Länge die größte bekannte Blindwühlenart, aus Kolumbien.
  • Kenia-Blindwühle (Boulengerula taitana): Bekannt für die Dermatophagie – die Jungtiere fressen die nährstoffreiche Haut der Mutter.

Blindwühlen im Aquarium

Von den rund 220 Blindwühlenarten eignen sich nur die aquatischen Arten der Familie Typhlonectidae für die Haltung im Aquarium. Die am häufigsten gehaltene Art ist die Cayenne-Blindwühle (Typhlonectes compressicauda), die gelegentlich im spezialisierten Zoofachhandel angeboten wird. Diese Tiere benötigen ein gut eingefahrenes Aquarium mit sauberem, leicht saurem bis neutralem Wasser und Temperaturen zwischen 22 und 28 °C.

Die Haltung ist nicht ganz einfach und erfordert Erfahrung. Blindwühlen sind dämmerungs- und nachtaktiv und verbringen den Tag meist versteckt. Du solltest für ausreichend Versteckmöglichkeiten aus Wurzeln, Röhren und dichten Pflanzen sorgen. Die Tiere sind Fleischfresser und nehmen Regenwürmer, Mückenlarven, kleine Fischstücke und Frostfutter an. Wichtig ist eine sichere Abdeckung des Aquariums, da Blindwühlen geschickte Ausbruchskünstler sind.

Schutzstatus

Der Schutzstatus der Blindwühlen ist aufgrund der lückenhaften Datenlage schwer einzuschätzen. Viele Arten sind so selten oder schwer zu finden, dass keine verlässlichen Bestandsdaten vorliegen. Die IUCN stuft einige Arten als gefährdet ein, während zahlreiche andere als „Data Deficient" (unzureichende Datenlage) gelistet sind. Hauptbedrohungen sind die Zerstörung tropischer Wälder, landwirtschaftliche Intensivierung und der Klimawandel.

Da Blindwühlen als Bodenbewohner besonders empfindlich auf Veränderungen der Bodenstruktur und -feuchtigkeit reagieren, sind sie durch Abholzung und Landnutzungsänderungen stark gefährdet. Der Schutz intakter tropischer Wälder und feuchter Böden ist entscheidend für das Überleben dieser faszinierenden und wenig bekannten Amphibiengruppe.

Quellen

  1. AmphibiaWeb: Information on amphibian biology and conservation – amphibiaweb.org
  2. IUCN Red List of Threatened Species – iucnredlist.org
  3. Wilkinson, M. (2012): Caecilians. Current Biology, 22(17), R668–R669.
  4. Pough, F. H. et al. (2015): Herpetology. 4th Edition. Sinauer Associates.
  5. San Mauro, D. et al. (2014): Life-history evolution and mitogenomic phylogeny of caecilian amphibians. Molecular Phylogenetics and Evolution, 73, 177–189.

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